Herodes Rechtfertigung über sein Leben

155 Mit solchen Reden reizten die Gesetzeslehrer die Jugend auf. Plötzlich verbreitete sich die Kunde, der König sei gestorben. Das kam den Aufwieglern nur [465] recht, und so zog am hellen Tage eine Schar nach dem Tempel hinauf, riss den Adler herunter und hieb ihn vor den Augen der im Heiligtum befindlichen Menge in Stücke. 156 Als dies dem Statthalter des Königs hinterbracht wurde, rückte er, weil er der Sache eine grössere Bedeutung beilegte, als sie in Wirklichkeit hatte, mit einer ansehnlichen Abteilung Soldaten aus, um den Empörern, die das Weihgeschenk des Königs zu zerstören sich erdreistet hatten, entgegenzutreten, und fiel unversehens über dieselben her. Wie sich nun das gewöhnliche Volk bei Unternehmungen mehr von augenblicklicher Aufwallung als von vernünftiger Überlegung leiten lässt, verloren auch hier die meisten völlig den Kopf, 157 und so gerieten gegen vierzig junge Leute, die bei der Flucht des ganzen übrigen Haufens wacker standgehalten hatten, sowie die Anstifter der Empörung, Judas und Matthias, die es für schimpflich hielten, sich bei der Ankunft der Soldaten zurückzuziehen, in die Gewalt des Statthalters, der sie zum Könige führen liess. 158 Als Herodes sie fragte, ob sie sein Weihgeschenk herabzureissen sich erfrecht hätten, entgegneten sie: „Was geplant war, haben wir geplant, und was vollführt worden ist, haben wir vollführt, wie es wackeren Männern ziemt. Wir haben das Haus Gottes in Schutz genommen, und da wir durch häufige Anhörung des Gesetzes gelernt haben, für dasselbe einzutreten, 159 so ist es nicht zu verwundern, wenn wir die Vorschriften, die Moyses auf Gottes Befehl und Eingebung uns schriftlich hinterlassen hat, für wichtiger halten als deine Anordnungen. Es wird uns ein Vergnügen sein, den Tod und jede Marter zu erleiden, da wir uns bewusst sind, dass wir nicht als Übelthäter, sondern als Eiferer für Gottes Sache in den Tod gehen.“ 160 Diesen Worten pflichteten alle übrigen bei und bewiesen dieselbe Kühnheit, die sie auch bei Begehung der That an den Tag gelegt hatten. Der König liess sie fesseln und nach Jericho bringen, wohin er auch die Vornehmsten der Juden beschied. 161 Als diese sich versammelt hatten, [466] liess der König sie ins Theater kommen und begann hier vom Bette aus, da er schon nicht mehr stehen konnte, herzuzählen, wie viele Strapazen er um des Volkes willen erduldet, 162 mit wie grossen eigenen Kosten er den Tempel erbaut, was den Asamonäern während ihrer hundertfünfundzwanzigjährigen Regierungszeit nicht möglich gewesen sei, und wie er den Tempel mit prachtvollen Weihgeschenken geschmückt habe, wofür er noch nach seinem Tode Lob und Dank zu ernten hoffe. 163 Jetzt aber, rief er mit erhobener Stimme, könne er nicht einmal bei Lebzeiten sich der Beleidigungen erwehren, da man am hellen Tage seine Weihgeschenke herunterzureissen und zu zerstören sich erkühne. Richte sich diese Beleidigung auch anscheinend nur gegen seine Person, so sei sie doch in Wirklichkeit, wenn man sie beim rechten Namen nennen wolle, eine Tempelschändung.

Josephus, Jüdische Altertümer Buch 17, 2,4