Satyricon – Das große Fressen

Wer das Rom der frühen Kaiserzeit begreifen will, dem ist nicht geholfen mit glamourösen Monumentalfilmen wie «Ben Hur», der im Jahr 1959 ins Kino kam.

Viel näher an der Wahrheit ist ein bizarrer Film, den zehn Jahre nach «Ben Hur» der italienische Regisseur Federico Fellini drehte: «Satyricon», ein Unsitten-Gemälde des Römischen Reichs gegen Ende der Cäsar-Dynastie. Am besten schaut man sich «Satyricon» und einen Jesus-Film nacheinander an, um erst einen Geschmack von der Finsternis der Welt zu bekommen, in die Jesus kam, und dann das Licht zu sehen, das Jesus hineingebracht hat. Oder man kann die biblischen Evangelistenberichte lesen – und anschließend den Roman «Satyricon», auf dem der Fellini-Film basiert. Nach der Lektüre wird man Mühe haben, noch Romane ernst zu nehmen, in denen von den «edlen Römern» die Rede ist. Eher stellt sich die Frage: Wer, wenn nicht die Römer, sind hier die Barbaren?

Dem Roman «Satyricon» verdanken wir nicht nur sprichwörtlich gewordene Formulierungen wie «Ich kratze dir den Rücken, und du kratzt mir den Rücken». Das Buch erlaubt uns auch einen Einblick in die Abgründe der römischen Gesellschaft. «Satyricon» wurde höchstwahrscheinlich zur Zeit Neros verfasst. Und zwar von einem Vertrauten des Kaisers, Titus Petronius. Wenn es damals schon Päpste gegeben hätte, wäre Petronius als «Stil-Papst» bezeichnet worden. Petronius war der inoffizielle «Minister für guten Geschmack». In «Satyricon» hielt er den reichen Römern gnadenlos den Spiegel vor.
Der Roman handelt von den Irrwegen eines Studenten, Encolpius, der auf der Suche nach seinem treulosen Sex-Gespielen von einem Abenteuer ins nächste stolpert, ohne je Befriedigung zu finden.
In dem Roman gibt es auch einige auffallende Parallelen zur Jesus-Geschichte. In einer Episode des «Satyricon» lässt sich ein reicher Mann mit Nardenöl salben, um damit auf seine eigene Beerdigung hinzuweisen, ganz so wie Jesus die Nardenöl-Salbung durch eine Sünderin als Hinweis auf seine Kreuzigung und Grablegung versteht. In einer anderen Episode wird der Leichnam eines Gekreuzigten gestohlen und damit genau das vollzogen, was die jüdischen Religionsführer den Jüngern Jesu unterstellten.
An der Botschaft des Romans, der eine Abrechnung mit der Oberflächlichkeit der herrschenden Eliten ist, ändert dieser Zusammenhang allerdings nichts. Die Protagonisten in «Satyricon» sind Antitypen zu Jesus, großspurig und zügellos. Es kommt wiederholt zu Orgien, bei denen auch minderjährige Kinder vergewaltigt werden.
Völlig schambefreit ist die Figur, der die unvergesslichsten Szenen des Romans gehören, der Super-Proll Trimalchio. Das «Gastmahl des Trimalchio» ist der größtmögliche Gegensatz zum heiligen Abendmahl – und der neureiche Sklavenhändler Trimalchio die Karikatur gottloser Gier. Der Student Encolpius landet zufällig auf seiner Party und kann sich nicht entscheiden, ob er eher angewidert oder angezogen sein soll von dem grellen Schauspiel, das sich ihm darbietet. Ägyptische Sklaven träufeln den Gästen schneegekühltes Bergwasser auf die Hände und schneiden ihnen anschließend die Fußnägel, während ein Chor für die Hintergrundmusik sorgt. Aus dem aufgeschlitzten Bauch einer gebratenen Sau flattern lebende Wachteln. Die Sklaven huschen wie lebendes Sexspielzeug um die Geladenen herum, allzeit bereit, ihnen erotisch zu Diensten zu sein.
Die ausufernde Genusssucht der Römer ist auch bei anderen Autoren derselben Ära ein beliebtes Thema. Auf den Speisekarten der wohlhabenden Römer standen demnach Delikatessen wie Fasanenhirne, Flamingozungen, Papageienfleisch und Muränenmilch. Dazu wurden für Millionensummen teure Weine importiert, außerdem Gewürze, Duftstoffe und Edelsteine aus aller Welt. Geld war zum Protzen da, und Gastmähler waren die perfekte Gelegenheit, die eigene Überlegenheit zur Schau zu stellen.

Markus Spieker – Jesus eine Weltgeschichte S. 150