
„1 Es begab sich aber in jenen Tagen, dass ein Befehl ausging von dem Kaiser Augustus, dass der ganze Erdkreis sich erfassen lassen sollte. 2 Diese Erfassung war die erste und geschah, als Kyrenius Statthalter in Syrien war.“
— Lukas 2.1–2
Bei dieser Erfassung handelte es sich nicht bloß um eine einfache Schätzung zu Steuerzwecken, wie sie etwa bei Josephus Flavius für das Jahr 6 n. Chr. vermerkt ist und wie es in manchen Übersetzungen vermerkt ist. Vielmehr sollten sich bei dieser Eidesleistung auf Augustus alle Knie vor dem Pater Patriae – dem „Vater des Vaterlandes“ – beugen. Nach dem Ende der römischen Republik war dies der entscheidende Schritt zur Etablierung des Prinzipats, also des gottgleichen Kaisertums, durch Augustus.
Während Jesus als der wahre Friedefürst Gottes geboren wurde, hatte die Welt bereits ihren eigenen „Anti-Friedefürsten“ etabliert: einen Herrscher, der nach außen genau das verkörperte, wonach die Welt sich sehnte, und der als „Sohn Gottes“ verehrt werden wollte.
Augustus selbst berichtet in seinen Tatenberichten von dieser Erfassung und Eidesleistung:
„Dann habe ich kraft meiner konsularischen Amtsgewalt wiederum eine Schätzung veranstaltet, und zwar ohne Kollegen im Amtsjahr der Konsuln Gaius Censorinus und Gaius Asinius [8 v. Chr.]. Dabei wurden 4.233.000 römische Bürger gezählt.“ —
Res Gestae divi Augusti (Die Taten des göttlichen Augustus), Nr. 8
Im Jahr 8 v. Chr. ordnete Augustus diesen Zensus für alle römischen Bürger an. Für das Jahr 2 v. Chr. hielt er stolz fest, dass ihm nun das gesamte römische Volk die Treue geschworen und ihn als Pater Patriae anerkannt habe. Die historischen Quellen legen nahe, dass dieser Treueid keineswegs nur von römischen Bürgern verlangt wurde, sondern auch von den Bewohnern der Provinzen und Klientelreiche.
In Ägypten etwa ordnete Augustus einen regelmäßigen 14-jährigen Rhythmus für Zählungen an. Überträgt man diesen Turnus auf Judäa, liegt der Schluss nahe, dass es dort keineswegs nur die von Josephus berichtete Zählung von 6/7 n. Chr. gab.
Aus der Zeit, als Herodes der Große seine beiden Söhne hinrichten ließ (um 7 v. Chr.), berichtet Josephus ebenfalls von einem Treueid des jüdischen Volkes auf den Kaiser – dem sich jedoch 6.000 Pharisäer verweigerten (vgl. dazu auch spätere Funde wie die Steuerdokumente aus dem Babatha-Archiv):
„Unter den Juden nun gab es eine Sekte, deren Angehörige sich auf genaue Kenntnis des Gesetzes etwas zugutemachten, sich für besondere Lieblinge Gottes ausgaben und jene Frauen auf ihre Seite gezogen hatten. Das waren die Pharisäer, welche den Königen gegenüber hartnäckigen Widerstand an den Tag legten und ebenso verschlagen wie zu offenem Kampfe bereit waren. Als das ganze jüdische Volk dem Cäsar und seinem König Treue schwor, hatten sie, an Zahl über sechstausend, sich dessen geweigert, und als sie deshalb von Herodes mit einer Geldstrafe belegt worden waren, bezahlte des Pheroras Gattin dieselbe für sie.“
— Josephus Flavius, Jüdische Altertümer 17,2,4
Auch wenn uns manche Steuerdokumente und Nachweise über Eidesleistungen erst aus etwas späterer Zeit erhalten sind, zeichnet sich ein eindrückliches Bild ab: Maria schwor im Kontext der Weihnachtsgeschichte dem Kaiser Augustus – dem selbst ernannten „Gottessohn“ des Römischen Reiches – die Treue, während sie zeitgleich den wahren Sohn Gottes gebar.