Alexander Solschenizyn – Der Segden See

Über diesen See wird nicht geschrieben und auch nicht laut gesprochen. Alle Wege, die zu ihm führen, sind versperrt und abgeriegelt, wie Zugänge zu einem verwunschenen Märchenschloss. Über allen Wegen hängt das gleiche Verbotsschild, ein schlichter stummer Strich. Ob Mensch oder wildes Tier, einerlei – siehst du diesen Strich auf deinem Weg, kehre sofort um! Denn diesen Strich hat die irdische Macht gezogen. Der Strich ist ein Verbot für dich: Du darfst weder fahren noch fliegen, auch gehen oder kriechen darfst du nicht.

​Unweit der Straßen im Kiefernwald lauern die bewaffneten Wächter im Hinterhalt.

​Du ziehst deine Kreise durch den schweigsamen Wald, mal in die eine, mal in die andere Richtung, suchst nach einer Möglichkeit, dich zu diesem See vorzutasten. Umsonst, du wirst keine finden und auch niemanden danach fragen können: Man hat die Leute gehörig verschreckt, keiner verirrt sich jetzt in diesen Wald. Nur an dem undeutlichen Läuten einer Kuhglocke könntest du dich orientieren, auf einem Viehpfad zur Mittagszeit, an einem verregneten Tag. Kaum wirst du den großen mächtigen See zwischen den Bäumen schimmern sehen, noch bevor du sein Ufer erreicht hast, schon ist dir klar, dass du dieses Fleckchen Erde für den Rest deines Lebens lieben wirst.

​Der Segden-See ist rund, als ob ihn jemand mit dem Zirkel abgesteckt hätte. Wenn du an einem Ufer laut rufen würdest (was du aber nicht tun wirst, damit man dich nicht entdeckt), so würde am gegenüberliegenden Ufer nur ein unscharfes Echo hörbar sein. Dazwischen liegt ein weiter Raum. Der See ist von einem Wald umgeben. Der Wald ist ebenmäßig, ein Baum ist wie der andere, kein einziger wäre zu entbehren. Wenn du am Wasser stehst, überblickst du den gesamten Umkreis des Uferringes: An einer Stelle ist ein gelber Sandstreifen zu sehen, an einer anderen ragt graues borstiges Schilf empor, dort wächst weiches grünes Gras. Das Wasser ist still und glatt, ohne Kräuseln, hier und da wird es am Ufer von Wasserlinsen überzogen, sonst aber ist es durchsichtig und weiß, und weiß ist auch der Boden des Sees.

​Das Wasser ist umzingelt. Der Wald auch. Der See blickt in den Himmel hinauf, der Himmel schaut auf den See hernieder. Und ob es noch etwas anderes auf der Welt gibt, das weiß man hier nicht, über den Wald hinaus ist nichts zu erkennen. Aber auch wenn es etwas anderes geben sollte, hier wäre es jedenfalls nicht vonnöten, wäre ganz überflüssig.

​Wenn du dich nur für immer hier niederlassen könntest … Hier würde die Seele in Schwingung kommen, wie die zitternde Luft, sie würde zwischen dem Wasser und dem Himmel strömen, und tiefe reine Gedanken würden dich durchfließen.

​Nein. Du darfst es nicht. Ein Landesfürst, grimmig und erbarmungslos, ein Bösewicht mit scheelem Blick, hat den See an sich gerissen. Da drüben steht seine Datscha, dahinter liegen seine Badeplätze. Die Brut des Bösewichts fängt Fische und schießt Enten vom Boot aus. Zuerst steigt ein blaues Rauchwölkchen über dem See auf, dann hört man den Schuss.

​Dort, hinter den Wäldern, in der ganzen Umgebung krümmen sich tagein, tagaus die Menschen, quälen sich ab. Damit aber niemand diese Unholde stören kann, sind alle Wege, die hierher führen, abgesperrt. Für sie werden eigens Fische und Wild gezüchtet. Und an dieser Stelle sind Spuren zu sehen: Jemand wollte ein Lagerfeuer machen, alles wurde im Keim erstickt, die Menschen fortgejagt.

​Einsam ruht der See. Ich mag ihn.

​Mein Heimatland …

Interpretation:

Die Heimat unserer Seele ist Gott. Der Teufel tut alles, dass wir keinen Zugang zur Ruhe, dem Frieden, der Schönheit des Ewigen.