Alexander Solschenizyn – was passiert mit der Seele in der Nacht – das Atmen

Das Atmen

​In der Nacht hat es ein wenig geregnet, jetzt wandern Wolken über den Himmel, hin und wieder fallen noch ein paar Tropfen.

​Ich stehe unter dem verblühenden Apfelbaum – und atme. Nicht nur der Apfelbaum, auch die Gräser ringsum entfalten nach dem Regen ihre Düfte. Es gibt keinen Namen für jene süßen Aromen, mit denen die Luft getränkt ist. Ich sauge sie ein mit der vollen Kraft meiner Lunge, sie durchdringen meine Brust, ich atme, atme, bald mit offenen, bald mit geschlossenen Augen – und weiß dabei selbst nicht, wie es mir besser gefällt.

​Das ist vielleicht die einzige Freiheit, die einzige zwar, aber die wertvollste, derer uns das Gefängnis beraubt – so zu atmen, wie man hier atmen kann. Keine Speise, kein Wein der Welt, nicht einmal der Kuss einer Frau bedeutet meinen Sinnen mehr als diese Luft, diese Luft, die von Blumen, Feuchte, Frische durchtränkt ist.

​Mag es auch nur ein winziger Garten sein, hineingepresst zwischen die Käfige fünfstöckiger Wohnhäuser. Dennoch höre ich hier auf, die Salven der Motorräder, heulende Radiokästen, in die Ohren trommelnde Lautsprecher wahrzunehmen. Solange mir gegeben sein wird, nach dem Regen unter dem Apfelbaum zu atmen, so lange werde ich noch auf dieser Welt sein können!