Wilhelm Busch – Weil ich Jesu Schäflein bin

Da hatte ich in Essen einen Herrn aus der Industrie kennen gelernt, so einen wohlgelaunten, wissen Sie: »Herr Pfarrer, das ist nett, dass Sie die Kinder zum Guten anhalten. Hier haben Sie einen Hundertmarkschein für Ihre Arbeit.« Und ich sage: »Na, und Sie selber?« »Nein, nein, Herr Pfarrer, wissen Sie, ich habe nun doch schon eine eigene Weltanschauung …« Verstehen Sie: Ein guter Kerl, aber so fern von Gott wie der Mond vom Sirius. Eines Tages hatte ich eine Trauung. Das ist oft ein bisschen trostlos in einer riesigen kahlen Kirche. Und dann kommen da das Brautpaar und vielleicht zehn weitere Leute. Die sitzen da so ein bisschen verloren in der riesigen Kirche. Und mein wohlgelaunter Herr aus der Industrie war Trauzeuge! Der arme Mann tat mir richtig leid: einen sehr eleganten Frack an, den Zylinderhut in der Hand. Und er wusste jetzt einfach nicht, wie man sich in der Kirche benimmt. Man merkte ihm an, dass er sich fragte: »Muss ich jetzt niederknien? Soll ich ein Kreuz schlagen? Oder was ist richtig?« Na, ich half ihm so ein bisschen, nahm ihm den Zylinder ab und legte den auf die Seite. Dann wurde ein Lied gesungen. Da hatte er natürlich keine Ahnung, aber er tat wenigstens so. Können Sie sich den Herrn vorstellen? Ein Mann, der so richtig in die Welt passt! Und dann passierte etwas ganz Merkwürdiges: Die Braut war Helferin im Kindergottesdienst gewesen. Und so sangen nun bei der Trauung etwa 30 kleine Mädchen von der Galerie herunter ein Lied. Mit ihren süßen Stimmchen sangen sie das ganz einfache Kinderlied, das Sie vielleicht kennen: »Weil ich Jesu Schäflein bin, / Freu ich mich nur immerhin / Über meinen guten Hirten …« Und da denke ich: »Was ist denn bloß mit dem Mann da los? Wird der krank?« Er sackt zusammen, schlägt die Hände vors Gesicht, zittert. Ich sage mir: »Dem ist was zugestoßen! Ich muss einen Sanitäter rufen.« Doch dann merke ich: Der Mann weint, hemmungslos. »… Über meinen guten Hirten, / Der mich wohl weiß zu bewirten«, sangen die Kinder, »Der mich liebet, / Der mich kennt / Und bei meinem Namen nennt. – Unter seinem sanften Stab / Geh ich aus und ein und hab / Unaussprechlich süße Weide …« Und da sitzt der Mann, der große Industrielle, und weint! Auf einmal begriff ich, was da passierte in der kahlen Kirche. Dem Mann ging auf: »Die Kinder haben, was ich nicht habe: einen guten Hirten. Ich aber bin ein einsamer, verlorener Mann!«

Busch, Wilhelm. Jesus unser Schicksal (S.19-21). Neukirchener Verlagsgesellschaft. Kindle-Version.