Johann Sebastian Bach – Biograohie nach Markus Spieker

Während Mozart und Beethoven durch ihre schillernden Persönlichkeiten die Nachwelt in ihren Bann zogen, dauerte es bei dem emsigen Bach lange, bis ihm der gebührende Ruhm zuteilwurde. Mittlerweile gilt er als der womöglich bedeutendste Musikschaffende, der je existiert hat.

Bach, der bereits mit neun Jahren beide Eltern verloren hatte, war ein treuer Ehemann und fürsorglicher Vater, außerdem ein ziemlich potenter Liebhaber. Mit seinen zwei Frauen, von denen die erste nach nur zwölf Ehejahren unerwartet starb, zeugte er zwanzig Kinder, von denen allerdings nur die Hälfte die Kindheit überstand. Vier Söhne bildete er selbst zu versierten Musikern aus. Die Karrieren seiner Söhne überstrahlten zeitweise seine eigene.

Bach führte sich nicht immer nur artig auf. Er war mindestens in eine Messerstecherei verwickelt, landete wegen Aufmüpfigkeit sogar einmal im Gefängnis.

Bach ist auch deshalb der christliche Künstler par excellence, weil er für seine Kunst nicht andere ausbeutete. Bach war ein großzügiger Mensch, der nicht nur die anonyme Nachwelt beglückte, sondern auch sein privates Umfeld. Vor allem wusste er, wem er sein außerordentliches Talent verdankte. Alle seine Werke beginnen mit Jesus. Er überschrieb seine Kompositionen grundsätzlich mit den Kürzeln «J. J.», für «Jesus Juva»: Jesus, hilf.

Am Ende von Bachs Notenschriften findet sich, statt einer Namensunterschrift, die Buchstabenfolge S. D. G., «Soli Deo Gloria»: Allein Gott sei die Ehre. Bach lebte damit, dass seine Zeitgenossen sein überbordendes Talent nicht erkannten. Von einem Totenkult konnte bei ihm keine Rede sein. Seine Grabstelle verschwand, genauso wie die Erinnerung daran, wie religiös er eigentlich war.

Die kleine Privatbibliothek, die Bach hinterließ, spricht Bände. Die meisten Bücher waren theologische Abhandlungen. Er studierte die Schriften der Pietisten Spener und Francke.

Musik existierte nach Meinung des in Eisenach geborenen jüngsten Sprösslings einer Musikerfamilie «zu Gottes Ehren und zur Erholung des Gemüts» oder, wie er an anderer Stelle formulierte, um «Gott zu ehren und den Nächsten zu lehren». Musik erfüllte für Bach somit drei Funktionen: eine sakrale, eine pädagogische, eine unterhaltende.

So wie Michelangelo in seiner Malerei- und Bildhauerkunst sah Bach in der Musik eine Möglichkeit, mit Gott auf Tuchfühlung zu kommen: mit akustischen Abbildern der Schöpfungsherrlichkeit und klanglichen Interpretationen der Erlösungsbotschaft. Besonders deutlich wird das bei einigen der Kantaten, die er während seiner Leipziger Zeit im Wochentakt komponierte. Für einen Adventssonntag im Jahr 1724 überarbeitete er das alte Kirchenlied «Nun komm, der Heiden Heiland». Das Instrumentalvorspiel sorgt dafür, dass die Zuhörer nicht nur die Ohren spitzen, sondern sich auch ihre Herzen erwartungsvoll weiten. Der Chor greift den Choraltitel auf, bevor eine einzelne Tenorstimme antwortet: «Bewundert, o Menschen, dies große Geheimnis.»

Bach gelingt es, das Staunen über das Eingreifen Gottes in die Welt gleichermaßen in Töne und Worte zu fassen.

Den Ruf, ein «fünfter Evangelist» zu sein, haben Bach insbesondere seine drei Jesus-Oratorien eingebracht: das Weihnachtsoratorium und die zwei Passions-Oratorien. «In dieser Woche habe ich dreimal die Matthäus-Passion des göttlichen Bach gehört, jedes Mal mit dem Gefühl unermesslicher Verwunderung», schrieb der junge Friedrich Nietzsche, der vielleicht sich selbst im Sinne hatte, als er weiterschwärmte: «Wer das Christentum völlig verlernt hat, der hört es hier wirklich wie ein Evangelium.»

Bach war 42, als das vermutlich bedeutendste kirchenmusikalische Werk aller Zeiten in Leipzig uraufgeführt wurde: die zweieinhalbstündige Matthäus-Passion. Hier kamen auch Bachs dramaturgische Begabung und sein theologisches Verständnis der Materie zum Vorschein. Der Hörer wird zu einer persönlichen Einsicht der göttlichen Motivation geführt:

«Aus Liebe will mein Heiland sterben, von einer Sünde weiß er nichts. Dass das ewige Verderben und die Strafe des Gerichts nicht auf meiner Seele bliebe.» Auf diese maximal gefühlvolle Arie folgt als donnernd-ablehnende Antwort der Schrei des Menschenmobs: «Lass ihn kreuzigen!»

Bach war kein Mann vieler Worte, noch weniger vieler Briefe. Von seiner gesamten Korrespondenz ist nur ein einziger Brief erhalten. Er ließ seine Werke sprechen, auch im Kontakt mit den Mächtigen der Welt. Legendär ist seine Begegnung mit Friedrich dem Großen, an dessen Hof der Bach-Sohn Carl Philipp Emanuel angestellt war. Der 35-jährige Preußenkönig und Hobbymusiker, der aufgrund seiner freudlos-frommen Erziehung den christlichen Glauben geradezu verabscheute, forderte den 62-jährigen Bach heraus, ihm eine Kostprobe seiner Kunstfertigkeit zu geben. Bach sollte zu einer von Friedrich erdachten Melodie improvisieren.

Bach tat ihm den Gefallen und beeindruckte die Abendgesellschaft, die sich im Potsdamer Schloss versammelt hatte.

Der schnöselige Friedrich, der Bach wie eine Zirkusattraktion behandelte, hatte noch nicht genug. Er verlangte eine noch weiter angelegte Ausarbeitung seines Flötenthemas. Bach nahm die Aufgabe mit nach Hause. Zwei Monate später schickte er dem König ein Werk, das auf der Melodie Friedrichs aufbaute. Bach hatte ihm den Titel «Musikalisches Opfer» gegeben. Er ließ keinen Zweifel daran, dass dieses Opfer zuallererst Gott galt und nicht dem gottlosen König. Unter den Kompositionen befand sich nämlich ein Kanon, der mit einem lateinischen Jesus-Zitat aus der Bergpredigt überschrieben war und übersetzt «Suchet, so werdet ihr finden» hieß.

Bach konfrontierte den Kirchenchoral-Hasser Friedrich mit der Tatsache, dass dieser zumindest unterbewusst Gott suchte. Der Missionierungsversuch schlug wohl fehl, jedenfalls ist noch nicht einmal eine Danksagung des «großen» Königs an den noch größeren Komponisten überliefert.

Ob es an seiner geringen Begabung zur Eigen-PR lag oder die Nachwelt einfach auf mindestens einem Ohr taub war – jedenfalls geriet der Name Bach nach seinem Tod in Vergessenheit oder blieb höchstens im Hinblick auf seine weniger begabten, aber zeitweise populäreren Söhne ein Begriff.

Manche Historiker werfen Bach vor, die Juden in seiner Matthäus-Passion unvorteilhaft dargestellt zu haben, etwa durch die Verwendung des Bibelzitats «Sein Blut komme über uns und unsere Kinder». Umso bemerkenswerter ist es, dass ausgerechnet ein deutscher Jude die Matthäus-Passion und Bach insgesamt wiederentdeckte und im Alleingang eine Bach-Renaissance ins Leben rief. Der zwanzigjährige Musiker, der hundert Jahre nach ihrer Uraufführung eine gefeierte, wenn auch gekürzte Wiederaufführung in Berlin veranstaltete, war kein Geringerer als der Enkel von «Nathan dem Weisen». Sein Großvater Moses Mendelssohn hatte Lessing als Vorbild für seinen jüdischen Toleranzlehrer gedient.