Der Glanz und der Fluch des Augustus (aus Markus Spieker)

Wie ein Überirdischer sah Augustus auf den ersten Blick kaum aus. Er soll eher schmächtig und klein gewesen sein, 1,60 Meter groß. Er trug Plateau-Sandalen, um größer zu wirken. Und er hatte ursprünglich einen Namen, der völlig gewöhnlich klang: Gaius der Achte, auf Lateinisch: Gaius Oktavian.
Als Sohn aus kleinadeligen Verhältnissen wurde Gaius im Jahr 63 vor Christus in eine unruhige Zeit hineingeboren. Der Superstar-Feldherr Pompeius hatte gerade Jerusalem erobert. In Rom konnte die Republik mit knapper Not gegen einen Umsturzversuch verteidigt werden. Der damalige Konsul hieß Cicero. Und ein bis dahin nicht sonderlich bekannter Aufsteigertyp namens Gaius Julius war gerade in den öffentlichen Dienst eingetreten.
Gaius Oktavian war der Sohn einer Nichte von Gaius Julius, der bald besser bekannt war unter dem Beinamen Cäsar. Cäsar hatte keinen Sohn, dem er seine Macht hinterlassen konnte. Also adoptierte er Oktavian, dessen Intelligenz und Durchsetzungskraft er erkannte.
Als Gaius 18 Jahre alt war, im Jahre 44 v. Chr. , iel Cäsar einem Attentat zum Opfer. Es war eines der berühmtesten Tötungsdelikte der Antike. Die Attentäter wollten gegen den Diktator die republikanische Staatsform verteidigen. Einer der Mörder, Brutus, war von Cäsar wie ein Familienangehöriger gefördert worden. “Auch du mein Sohn Brutus!, soll Cäsar gesagt haben, als er erkannte, dass auch Brutus zu den Verrätern gehörte.

Oktavian reagierte blitzschnell auf die neue Lage. Er verbündete sich mit einem anderen Aspiranten auf die Nachfolge von Cäsar, dessen Top-General Marcus Antonius. Gemeinsam veranstalteten sie unter der römischen Oberschicht ein regelrechtes Massaker. Über zweitausend prominente Römer ließen sie umbringen, darunter alle potentiellen Rivalen sowie Männer, an deren Vermögen sie herankommen wollten.
Unter den Ermordeten war der bekannteste Verteidiger der republikanischen Staatsordnung, Cicero. Oktavian hatte ihn vorher noch als eine Art Vaterfigur verehrt. Jetzt stand er ihm im Weg und musste beseitigt werden. Ein paar Jahre später erklärte Oktavian auch Marcus Antonius und dessen Geliebter Kleopatra den Krieg und trieb beide in den Selbstmord.
Oktavian war erst Anfang dreißig, als er die römische Alleinherrschaft erreicht hatte. Er regierte fast ein halbes Jahrhundert lang, allerdings ohne sich je offiziell zum Monarchen ernennen zu lassen. Der Senat verkam zum Abnickverein.
Augustus ließ den Römern den Pro-forma-Glauben, dass sie weiter in Freiheit lebten, während sie längst zu Sklaven seiner Kontrollsucht geworden waren. Rechtlich gesehen blieb er ein Bürger, wenn auch ein besonderer, nämlich die Nummer eins im Land.
Sein offizieller Amtstitel war fortan: Princeps. Der Erste.
Zusätzlich bekam er vom Senat den Titel «Augustus» verliehen: der Erhabene.
Und noch einen Beinamen brachte Augustus über sich selbst in Umlauf: «Vater des Vaterlands».
Der Erste. Der Erhabene. Der Vater des Vaterlands. Der Cäsar. Der Gottessohn … Bescheidenheit war definitiv keine römische Tugend.
Augustus lenkte nicht nur die Staatsgeschäfte, sondern war auch Roms oberster Fürsprecher bei den Göttern. Er ernannte sich zum Obersten Priester, zum Pontifex Maximus.
Im gesamten Römischen Reich wetteiferten die Untertanen darum, die Gunst von Augustus zu erlangen. Im östlichen Teil des Reichs, in Griechenland und der heutigen Türkei, verfiel man auf eine besondere Art der Schmeichelei. Man betete Augustus als Gott an und baute ihm Tempel.
Augustus heizte den Kult um seine Person auch dadurch an, dass er überall im Reich Statuen von sich aufstellen ließ. Sie zeigten ihn als jugendlichen, muskulösen, freundlich-gelassenen Helden. Selbst als er schon die siebzig Jahre überschritten hatte.

Augustus drückte Rom auch sonst seinen Stempel auf. Er machte aus einem chaotischen Moloch aus Ziegelbauten eine glitzernde Metropole aus Marmor, überzog das ganze Reich mit einem Straßennetz, errichtete Parks, Bäder, Sportanlagen, Wasserleitungen, löste die Wehrpflichtigen-Armee durch ein Berufssoldaten-Heer ab. Anders als paranoide Tyrannen späterer Zeiten wie Mao oder Stalin sicherte er seine Macht nicht durch Terror, sondern durch Bestechung der Bevölkerung mit «Brot und Spielen», wie der Dichter Juvenal später spöttisch bemerkte, also mit Getreideversorgung und Zirkus-Shows. Die Möglichkeit dazu gaben Augustus die Güter und das Geld, das aus den eroberten Provinzen hereinfloss.
Wer sich mit dem Princeps gut stellen will, macht ihm Geschenke. Herodes der Große war ein Großmeister darin, wechselte er zunächst auf der Seite Antonius stehend, mit viel Spendengeld die Seite.

Um dafür zu sorgen, dass die eigenen Angehörigen von Augustus gut behandelt werden, hinterlassen ihm reiche Römer nach dem Tod einen Großteil ihres Vermögens. Augustus brüstet sich damit, 1,4 Milliarden Sesterzen, umgerechnet fast eine Milliarde Euro, alleine durch Schenkungen erhalten zu haben.

Zu Oktavians genialsten Manövern gehörte es, seine revolutionäre Ein-Mann-Diktatur als brave Fortsetzung der guten alten Zeit zu verkaufen. Augustus verordnete eine geistig-moralische Wende. Die alten Familienwerte sollten wieder zu neuer Geltung gebracht werden. Eheschließungen wurden gefördert, Scheidungen erschwert, Kinderkriegen honoriert. Single-Männer mussten mehr Steuern bezahlen und kriegten bei Wagenrennen und Gladiatorenkämpfen die schlechteren Zuschauerplätze. Den Frauen wurde verboten, auf der Straße zu viel Haut zu zeigen.
Oktavian gab nach außen den Tugendwächter, war aber im inneren Zirkel als Schürzenjäger berüchtigt. Die Entjungferung von Teenager-Mädchen soll ihm besonders großen Spaß gemacht haben. Die von ihm in die Wege geleitete Fruchtbarkeitsoffensive kam allerdingsm eigenen Schlafzimmer zum Stillstand. Er und seine Frau Livia blieben kinderlos.
Im Jahr 14 nach Christus, mit 77 Jahren, starb Augustus. «Habe ich meine Rolle gut gespielt?», soll er auf dem Sterbebett gefragt haben. «Wenn ja, dann spendiert mir bitte Applaus.» Der Senat klatschte artig und beförderte Augustus nach seinem Tod offiziell zum «Gott».

Markus Spieker – Jesus eine Weltgeschichte S. 141, gekürzt und ergänzt.