Der Brief an Diognet – eine leidenschaftliche Apologie

Der Brief an Diognet – eine leidenschaftliche Apologie Der «Brief an Diognet», mit genauerer Bezeichnung der Brief des mathetês (griech. «Jünger») an Diognetus,82 ist eine apologetische Schrift, die sich kritisch mit den heidnischen Göttern auseinandersetzt und die Beziehung der Christen zur Welt darstellt.83 Der Ton der Schrift ist anders als beim Barnabasbrief, er setzt die Kenntnis des Alten Testaments nicht voraus, sondern bewegt sich eher im römisch-griechischen Milieu. Der Adressat Diognetus (bzw. in der griechischen Form Diognetos) ist noch kein Christ, sondern ein hochgestellter und gebildeter römischer Bürger, der für den christlichen Glauben gewonnen werden soll. Dabei ist unklar, ob der Name Diognetus – «von Gott (eigentlich: von Zeus) Geborener» – eine echte historische Person bezeichnet, oder ob er als Ehrentitel für jeden möglichen Leser des Briefs gemeint ist. Die Argumentation greift die heidnischen Göttervorstellungen als sinnlos und nichtig an, grenzt sich von jüdischen Vorstellungen ab und stellt schließlich den christlichen Glauben als wahre Religion dar. Hier einige Auszüge. Zu Eingang schreibt der Verfasser: Du hast, wie ich sehe, mein bester Diognet, einen ungewöhnlichen Eifer, die Religion der Christen kennen zu lernen, und erkundigst dich über sie sehr genau und sorgfältig, was das für ein Gott ist, dem vertrauend und dienend sie alle die Welt gering schätzen und den Tod verachten und weder die von den Griechen anerkannten Götter als solche ansehen noch dem Aberglauben der Juden huldigen; ferner was das für eine Liebe ist, die sie gegeneinander hegen; endlich, warum diese neue Lebensart und Gottesverehrung erst jetzt und nicht früher in die Welt getreten ist.84 Nachdem er dargestellt hat, dass die Götterbilder von Menschen gefertigt worden sind, und zwar aus gewöhnlichen irdischen Materialien, und deshalb keine wahren Götter sein können, fährt er fort: Sind sie nicht alle taub, nicht blind, nicht leblos?, nicht ohne Empfindung und Bewegung?, nicht alle der Fäulnis und der Verderbnis unterworfen? Diese nennt ihr Götter, diesen dient ihr, sie betet ihr an und werdet ihnen schließlich ähnlich. Darum hasst ihr die Christen, weil sie solche nicht für Götter halten. Aber ihr, die ihr sie zu preisen vermeint, drückt ihr ihnen nicht weit mehr eure Verachtung aus? Verspottet und beschimpft ihr sie nicht weit mehr, indem ihr zwar die, welche von Stein und von Ton sind, ohne Bewachung verehrt, die silbernen und goldenen aber des Nachts einschließt und am Tage mit Wachposten umstellt, damit sie nicht gestohlen werden?85 Danach geht der Verfasser auf jüdische Glaubensvorstellungen und Traditionen ein und begründet, warum die Christen sich ihnen nicht anschließen können. Schließlich stellt er dar, welche Bedeutung die Christen für die Gesellschaft und den Staat haben und entwickelt dabei eine regelrechte politische Theologie, sicher in der Hoffnung, seinen Adressaten «Diognet» von der Nützlichkeit des christlichen Glaubens zu überzeugen, und auch, um dem Vorwurf entgegenzutreten, die Christen seien gegenüber ihrer Umwelt grundsätzlich feindselig gesinnt und grenzten sich kulturell ab: Denn die Christen sind weder durch Heimat noch durch Sprache und Sitten von den übrigen Menschen verschieden. Sie bewohnen nirgendwo eigene Städte, bedienen sich keiner abweichenden Sprache und führen auch kein absonderliches Leben. Keineswegs durch einen Einfall oder durch den Scharfsinn vorwitziger Menschen ist diese ihre Lehre aufgebracht worden, und sie vertreten auch keine menschliche Schulweisheit wie andere. Sie bewohnen Städte von Griechen und Nichtgriechen, wie es einem jeden das Schicksal beschieden hat, und fügen sich der Landessitte in Kleidung, Nahrung und in der sonstigen Lebensart, legen aber dabei einen wunderbaren und anerkanntermaßen überraschenden Wandel in ihrem bürgerlichen Leben an den Tag. Sie bewohnen jeder sein Vaterland, aber nur wie Beisassen; sie beteiligen sich an allem wie Bürger und lassen sich alles gefallen wie Fremde; jede Fremde ist ihnen Vaterland und jedes Vaterland eine Fremde. Sie heiraten wie alle andern und zeugen Kinder, setzen aber die Geborenen nicht aus. Sie haben gemeinsamen Tisch, aber kein gemeinsames Lager. Sie sind im Fleisch, leben aber nicht nach dem Fleisch. Sie weilen auf Erden, aber ihr Wandel ist im Himmel. Sie gehorchen den bestehenden Gesetzen und überbieten in ihrem Lebenswandel die Gesetze. Sie lieben alle und werden von allen verfolgt. Man kennt sie nicht und verurteilt sie doch, man tötet sie und bringt sie dadurch zum Leben. Sie sind arm und machen viele reich; sie leiden Mangel an allem und haben doch auch wieder an allem Überfluss; sie werden missachtet und in der Missachtung verherrlicht; sie werden geschmäht und doch als gerecht befunden. Sie werden gekränkt und segnen, werden verspottet und erweisen Ehre. Sie tun Gutes und werden wie Übeltäter gestraft; mit dem Tod bestraft, freuen sie sich, als würden sie zum Leben erweckt. Von den Juden werden sie angefeindet wie Fremde, und von den Griechen werden sie verfolgt; aber einen Grund für ihre Feindschaft vermögen die Hasser nicht anzugeben.86 Er geht sogar noch weiter und beschreibt die Christen als die «Seele», die den Leib, also die Welt, belebt. Hier drücken sich ein hoher Anspruch und ein starkes Selbstbewusstsein aus, das, von außen betrachtet, sicher in einem deutlichen Kontrast zur damaligen Realität der christlichen Minderheit im Römischen Reich steht. Gerade darum sind diese Aussagen so bemerkenswert: Um es kurz zu sagen, was im Leibe die Seele ist, das sind in der Welt die Christen. Wie die Seele über alle Glieder des Leibes, so sind die Christen über die Städte der Welt verbreitet. Die Seele wohnt zwar im Leibe, stammt aber nicht aus dem Leibe; so wohnen die Christen in der Welt, sind aber nicht von der Welt. Die unsichtbare Seele ist in den sichtbaren Leib eingeschlossen; so weiß man zwar von den Christen, dass sie in der Welt sind, aber ihre Religion bleibt unsichtbar. Das Fleisch hasst und bekämpft die Seele, die ihm kein Leid antut, bloß weil es von ihr gehindert wird, seinen Lüsten zu frönen; ebenso hasst die Welt die Christen, die ihr nichts zuleide tun, nur weil sie sich ihren Lüsten widersetzen. Die Seele liebt das ihr feindselige Fleisch und die Glieder; so lieben auch die Christen ihre Hasser; die Seele ist zwar vom Leibe umschlossen, hält aber den Leib zusammen; so werden auch die Christen von der Welt gleichsam in Gewahrsam gehalten, aber gerade sie halten die Welt zusammen. Unsterblich wohnt die Seele im sterblichen Gezelt; so wohnen auch die Christen im Vergänglichen, erwarten aber die Unvergänglichkeit im Himmel. Schlecht bedient mit Speise und Trank, wird die Seele vollkommener; auch die Christen nehmen, wenn sie mit dem Tode bestraft werden, von Tag zu Tag mehr zu. In eine solche Stellung hat Gott sie versetzt, und sie haben nicht das Recht, dieselbe zu verlassen.87 Schließlich spricht der Brief über die Offenbarung Gottes, des einzigen Schöpfers und Herrn der Welt, in seinem Sohn und kommt damit zum Kern des christlichen Glaubens: Von den Menschen hat keiner Gott gesehen oder erkannt, er selbst hat sich kundgetan. Er offenbarte sich aber durch den Glauben, dem allein es gegeben ist, Gott zu schauen. Denn Gott, der Herr und Schöpfer des Weltalls, der alles gemacht und mit Ordnung eingerichtet hat, war nicht allein menschenfreundlich, sondern auch langmütig. Er war zwar immer ein solcher und ist es und wird es sein, milde und gut, leidenschaftslos und wahrhaft, und er ist allein gut; als er aber den großen und unaussprechlichen Gedanken gefasst hatte, teilte er ihn nur seinem Sohn mit. Solange er nun seinen weisen Ratschluss als Geheimnis bei sich behielt und bewahrte, schien es, als ob er sich um uns nicht kümmere und unbesorgt sei; als er aber das von Anfang an in Aussicht Genommene durch seinen geliebten Sohn enthüllte und offenbar machte, gewährte er uns alles zusammen, sowohl die Teilnahme an seinen Wohltaten als auch das Schauen und die Einsicht. Wer von uns hätte das jemals erwartet?88 Schließlich lädt der Verfasser in einer persönlichen Anrede sein Gegenüber zum Glauben ein, indem er beschreibt, welche positiven Auswirkungen ein Leben als Christ haben kann – ein Leben erfüllt von Freude und Liebe –, bis dahin, dass ein Christ eine ganz andere Einstellung zum Tod hat und selbst den Märtyrertod als einen Gewinn sehen kann: Trägst auch du nach diesem Glauben Verlangen, so lerne zuerst den Vater kennen. Denn Gott hat die Menschen geliebt; ihretwegen schuf er die Welt, ihnen unterwarf er alles auf Erden, ihnen gab er Rede, ihnen Vernunft; ihnen allein gestattete er, aufwärts zu ihm zu blicken; sie gestaltete er nach seinem Ebenbild, ihnen sandte er seinen eingeborenen Sohn, ihnen verhieß er das Himmelreich und wird es geben denen, die ihn lieben. Von welcher Freude aber glaubst du wohl erfüllt zu werden, wenn du ihn erkannt hast? Oder wie wirst du den lieben, der dich so zuvor geliebt hat? Liebst du ihn aber, so wirst du auch ein Nachahmer seiner Güte sein. Und wundere dich nicht, dass ein Mensch Nachahmer Gottes sein kann; er kann es, weil er, Gott, es will. Denn das Glück besteht nicht darin, dass man über seine Nebenmenschen herrscht oder mehr haben will als die Schwächern, auch nicht darin, dass man reich ist und die Niedrigen unterdrückt; in solchen Dingen kann niemand Gott nachahmen, sie liegen außerhalb seiner Majestät. Wer dagegen die Last seines Nächsten auf sich nimmt, wer dem Schwächern helfen will in den Stücken, in denen er ihm überlegen ist, wer das, was er von Gott empfangen hat, den Bedürftigen spendet, der wird ein Gott für die Empfänger, er ist Gottes Nachahmer. Dann wirst du, auf Erden lebend, schauen, dass ein Gott im Himmel waltet; dann wirst du Gottes Geheimnisse zu reden anfangen; dann wirst du die, welche zum Tode geführt werden, weil sie Gott nicht verleugnen wollen, lieben und bewundern; dann wirst du die Täuschung und Irrung der Welt verachten, wenn du wahrhaft im Himmel zu leben verstehst, wenn du den scheinbaren Tod hienieden verachtest, wenn du den wirklichen Tod fürchtest, der denen vorbehalten ist, die zum ewigen Feuer verurteilt werden sollen, das die ihm überlieferten bis ans Ende peinigen wird. Dann wirst du die, welche sich um der Gerechtigkeit willen dem zeitlichen Feuer unterziehen, bewundern und seligpreisen, wenn du jenes Feuer kennst.89 Der Brief an Diognet zeigt, wie die frühen Christen ihren Glauben an den einen Gott und seine Offenbarung in der Schöpfung – und dann vor allem in Jesus Christus – für die Menschen in ihrer Umwelt, die in einem völlig anderen geistigen Universum lebten, zu erklären versuchten. Er ist ein frühes Beispiel für eine Apologie, die sich darum bemühte, die philosophischen, religiösen, moralischen und kulturellen Grenzen zu überwinden, die sie und ihre Botschaft von der heidnischen Umgebung trennten. Und er macht deutlich, dass der christliche Glaube den Zeitgenossen der frühen Christen mehr wie eine philosophische Lebensauffassung und Lebensweise erschienen sein muss als eine Religion, wie sie sie kannten. Denn die Überzeugungen und die praktische Ethik standen im Vordergrund, während kultisch-religiöse Elemente wie Tempel, Götterbilder, Opfer, Priester, Prozessionen, Weihrauch und dergleichen bei den Christen nicht zu finden waren.