Die folgende Geschichte hat sich vor vielen Jahren in Syrien ereignet.

Dort ließ sich in einem ländlichen Bezirk ein junges amerikanisches Ehepaar nieder und begann, die Gute Nachricht zu verkündigen. Die Hirten und Bauern, die in dieser Gegend wohnten, beteten zu Gott. Doch sie kannten weder die Bibel noch hatten sie je gehört, dass ihre Sünden vergeben werden konnten, weil Jesus für sie gestorben war. Über diese Botschaft konnten sie nur staunen, und Abend für Abend kamen sie müde, verschwitzt und schmutzig von ihren Feldern heim, setzten sich um Ralph herum und hörten ihm zu, wie er ihnen die Bibel erklärte. Viele glaubten an das, was sie hörten, und baten den Heiligen Geist, in ihr Leben zu kommen. An einem Abend sprach Ralph über die große Liebe Gottes, der Jesus in die Welt sandte, und über die Liebe Jesu, der sein Leben für die Menschen gab. Da fragte jemand: »Aber was können wir denn geben, um Gott zu zeigen, dass wir ihn lieben?« »Wir haben doch kaum Geld«, antworteten manche, »und das Wenige, was wir haben, brauchen wir für Werkzeug und Saatgut. Wir alle leben doch vom Ertrag unserer Felder und von unseren Herden und sind arm. Im Winter haben wir manchmal nicht einmal mehr Brot für unsere Kinder. Was könnten wir Gott also geben?« Ralph schlug das Buch Maleachi auf und las vor, wie Gott vor langer Zeit seinem Volk befohlen hatte, sie sollten den zehnten Teil von allem, was sie besaßen, für Gottes Werk geben.
Doch dann wurden die Menschen habgierig und behielten alles für sich, deshalb musste der Prophet Maleachi ihnen im Auftrag Gottes sagen: »Bringt den zehnten Teil eurer Ernte unverkürzt zu meinem Tempel, damit die Priester zu essen haben. Habt keine Sorge, dass ihr dann Mangel leidet! Nehmt mich beim Wort! Ihr werdet erleben, wie ich euch mit Segen überschütte!« Die Zuhörer sahen einander an. »Ein Zehntel unseres Getreides, unserer Eier, unserer Früchte, unserer Herden?«, fragten sie zweifelnd. »Und wenn wir dann nicht genug für uns selbst übrig behalten?« »Was steht in dem Vers?«, fragte Ralph. »Da steht, dass Gott uns mit Segen überschütten will … Das klingt gut … Aber ist es wahr?« »Probiert’s doch mal aus!«, schlug Ralph vor. Also versuchten sie es. Jeder brachte den zehnten Teil seines Ertrags zu Ralph, und der kaufte ihnen das entweder ab und lebte davon oder verkaufte es in der nahe gelegenen Stadt. Das Geld legte er zur Seite. Bald war genug zusammengekommen, dass sie Baumaterial kaufen und eine kleine Kirche bauen konnten, wo sie sich zum Gottesdienst trafen. Im ganzen Dorf herrschte helle Freude und es fiel den Leuten leicht zu geben. Sie sehnten sich danach, auch in die Nachbardörfer zu gehen und dort von ihrem Retter zu erzählen. Doch sie konnten nicht von ihren Äckern und Herden weg. Da überlegten sie: Wenn wir weiter Geld sparen, können wir vielleicht einen aus unserer Mitte als unseren Botschafter in die Nachbardörfer aussenden. Und so begann die kleine Kasse wieder zu wachsen. Dann aber kam eine Dürrezeit und die Gaben wurden weniger. Auch die Freude in der kleinen Gemeinde erlosch allmählich, und die Gemeindeleiter machten sich Sorgen. Und noch jemand machte sich Sorgen.
Auf einem kleinen Hof in der Nähe wohnte eine Witwe. Ihr Mann war an Typhus gestorben und so stand sie nun mit ihren drei kleinen Kindern allein da. Das Leben war hart, doch sie hatte ein Stück Land, eine Ziege und etwa dreißig Hennen, und damit schlug sie sich recht und schlecht durch. Während des vergangenen Jahres hatte sie jedoch Christus kennen gelernt, ihn in ihr Leben aufgenommen, und alles war anders geworden, seit sie mit all ihren Sorgen im Gebet zu ihm gehen konnte. Es war ein Freudenfest, als sie eines Tages feststellte, dass ihre weiße Henne brütete. Sie wollte sogleich ein Ei für Gott zur Seite tun, doch dann dachte sie: Es ist besser, ich gebe Gott ein Küken als ein Ei. Einige Zeit später schlüpften zehn wunderschöne gelbe Küken aus. Sie fing sofort eins davon und band ihm einen Wollfaden um ein Bein. »Was machst du denn da?«, fragte ihre neunjährige Tochter Mariam. »Dieses Huhn gehört dem Herrn«, antwortete die Mutter. »Darauf müssen wir besonders gut aufpassen.« Die Küken wuchsen heran und Mariam hatte sie alle gern. »Wann wirst du Gott sein Huhn geben, Mama?«, fragte sie. »Noch nicht, meine Tochter. Es soll noch etwas wachsen. Es ist besser, der Herr bekommt eine Henne als ein Küken.« Bald bemerkten sie etwas Seltsames. Alle Küken wuchsen gesund und stark heran, doch das Huhn des Herrn war gesünder und kräftiger als alle anderen. Es war wirklich ein erstklassiges Huhn mit festem Fleisch und schneeweißen Federn. Mariam freute sich, denn sie fand es ganz richtig, dass Gott das schönste Huhn gehören sollte. Ihre Mutter aber war gar nicht begeistert. Auf dem Feld war in diesem Dürrejahr nur wenig gewachsen. Der Weizen stand schlecht, die Tomaten waren kümmerlich. Mit dem Huhn des Herrn hätte sie auf dem Markt einen ordentlichen Preis erzielen können. »Wie konnte ich nur so dumm sein, ihm den Wollfaden ums Bein zu binden«, sagte sie sich mehrmals am Tag. »Herr Ralph hat vom zehnten Teil gesprochen. Das ist ein Huhn, und es ist doch ganz gleich, welches. Ich hätte dem Herrn doch auch das magere, dunkle Huhn da drüben geben können. Keiner hätte das je gemerkt.« Die ganze Angelegenheit beschäftigte sie derart, dass sie an einem Sonntagmorgen zum Hühnerstall ging, den Wollfaden vom Bein des Huhns, das für Gott bestimmt war, löste und ihn dem mageren Huhn ans Bein band. Dann warf sie sich ihren Schleier über den Kopf, putzte ihre drei Kinder heraus und machte sich auf den Weg zum Gottesdienst in der neuen kleinen Kirche.
An diesem Sonntag feierten sie am Ende des Gottesdienstes Abendmahl. Ein syrischer Christ ging zu dem einfachen Holztisch, wo in Erinnerung an den Leib und das Blut des Herrn Jesus Christus Brot und Wein standen. Bevor er die Gemeinde einlud nach vorn zu kommen und das Abendmahl zu nehmen, stimmte er einen alten Choral an, der vom Englischen ins Arabische übersetzt worden war: »Mein Leben gab ich für dich hin, vergoss mein kostbares Blut, um dich zu erlösen und dir ewiges Leben zu schenken. Ich habe mein Leben für dich gegeben – was gibst du für mich?« Jeder Choral endete mit dieser Frage. Doch bevor die Gemeinde das Lied ganz gesungen hatte, entstand auf einmal Unruhe in der Kirche. Die Witwe kam nach vorn. Sie hatte ihr Gesicht in den Händen vergraben, weinte und sagte irgendetwas, was man vor lauter Schluchzen nicht verstehen konnte. So sehr die Leute sich auch bemühten, keiner konnte verstehen, was sie sagte. Nur vier Wörter, die immer wieder vorkamen, waren zu verstehen: »Das Huhn des Herrn! Das Huhn des Herrn!« Mariam war es, die der Gemeinde schließlich erklären konnte, was mit ihrer Mutter los war. Sie vergaß alle Schüchternheit, rannte nach vorn und legte den Arm um ihre Mutter. »Sie sagt: ›Wartet!‹, flüsterte Mariam. ›Wartet, bis sie zu Hause gewesen ist. Sie möchte dem Huhn des Herrn wieder den Wollfaden ans Bein binden. Sie sagt, sie kann das Brot und den Wein nicht nehmen, bevor sie das nicht erledigt hat.‹« Niemand lachte darüber. Die Leute begriffen, was da geschehen war. Die Witwe hob ihr tränenüberströmtes Gesicht. »Er hat so viel für mich gegeben«, flüsterte sie. »Ich aber wollte ihm nur das Schlechteste geben. Wie kann ich da die Erinnerung an seinen Tod feiern? Wartet! Wartet bitte … Ich will ihm das Beste geben.« Jetzt standen andere schweigend auf. Gottes Geist wirkte an ihnen. »Bruder Ralph«, sagte einer, »ich will auch nach Hause gehen. Ich habe den zehnten Teil meines Weizens nicht abgeliefert. Wie kann ich da feiern, was Jesus für mich getan hat?« »Und ich«, murmelte ein anderer, »ich habe mich vor der Dürre gefürchtet. Seit vielen Wochen habe ich dem Herrn keine Milch mehr gegeben.« »Brüder und Schwestern«, rief ein anderer, »ich bin dafür, dass wir heute Morgen das Abendmahl nicht feiern. Vielleicht müssen viele von uns erst einmal nach Hause gehen. Wir wollen uns heute Abend wieder hier versammeln.« Alle stimmten zu und schweigend ging die Gemeinde auseinander. An diesem Nachmittag hatte Ralph keine ruhige Minute. Die Gemeindeglieder standen mit ihren Gaben vor seiner Tür Schlange. Am Abend war die Kirche überfüllt. Freude und Jubel hatten wieder Einzug ins Dorf gehalten. Christus schien wieder nahe zu sein und die Menschen waren glücklich. Auch Mariam und ihre Mutter erschienen zum Gottesdienst.
Die Augen der Witwe glänzten vor Tränen, als sie sich an die Liebe ihres Herrn erinnerte, der alles für sie gegeben hatte. Gemeinsam sangen sie die letzte Strophe des Chorals: »Herr, ich will mein Leben,
jeden einzelnen Augenblick, für Gott, für andere, für den Himmel geben.
Nichts soll mich mehr an die Erde binden.
Du hast alles für mich gegeben,
jetzt gebe ich alles für dich.« Und auf dem kleinen Bauernhof stolzierte das weiße Huhn des Herrn hin und her. Um sein Bein trug es einen Wollfaden.