Die Briefe von Ignatius von Antiochien

Eindrücklich sind auch die sieben Briefe von Ignatius von Antiochien. Er schrieb sie auf seiner Reise als Gefangener aus seiner Heimatstadt Antiochien in Syrien nach Rom, und zwar an die Gemeinden von Ephesus, Magnesia, Tralles, Rom, Philadelphia und Smyrna sowie einen Brief an Polykarp von Smyrna. Nach der Auskunft von Eusebius von Caesarea wurde Ignatius zur Zeit von Kaiser Trajan (98–117 n. Chr.) im Circus Maximus in Rom von Löwen zerrissen.64 In den Briefen des Ignatius sehen wir in das Herz eines feurigen Jesusjüngers und Gemeindeleiters der Frühzeit, der sich regelrecht nach dem Martyrium sehnt. Er dankt den Gemeinden, dass sie ihn auf seiner Reise aufgenommen haben, und ermahnt sie zur Standhaftigkeit im Glauben und zur Einheit untereinander. In seinem Brief an die Gemeinde Rom bittet er darum, dass nichts unternommen werden solle, um ihn vor dem Märtyrertod zu bewahren. Ignatius betont die Bedeutung der Rolle des einzelnen Gesamtleiters in einer Gemeinde, also des Bischofs. Das griechische Wort episkopos ist vom Ursprung her ein säkularer Begriff und bedeutet einfach «Aufseher».65 Die besondere Betonung, die Ignatius auf dieses Thema legt, zeigt, dass sich zu seiner Zeit das monarchische Verständnis vom Bischofsamt längst noch nicht durchgesetzt hatte und dass viele Gemeinden stattdessen von Ältestenkreisen geleitet wurden. Warum Ignatius so vehement für das Bischofsamt eintritt, ist nur zu vermuten. Ein Teil der Erklärung ist wohl, dass er so die Einheit der Gemeinde und, angesichts von drohenden Irrlehren, die Treue zur apostolischen Überlieferung gewährleisten wollte. Bei Ignatius erscheint auch zum ersten Mal die Bezeichnung «katholisch» als Bezeichnung für die christliche Gemeinde. Dieser Begriff sollte jedoch noch nicht – wie später – konfessionell eingeengt verstanden werden. Vielmehr bedeutete er zu dieser Zeit, dem Wortsinn des griechischen katholikos entsprechend, einfach «universal» oder «allumfassend». «Katholisch» heißt bei Ignatius also noch nicht «römisch-katholisch» im heutigen Sinn. Schließlich schreibt er als selbstbewusster Leiter der Gemeinde in Antiochia, was zu seiner Zeit nach Rom und Alexandria die drittgrößte Stadt im Reich war.66