
Wolfgang Borchert – Draußen vor der Tür ist eine der eindringlichsten und erschütterndsten Szenen der deutschen Nachkriegsliteratur. In Wolfgang Borcherts Heimkehrerdrama „Draußen vor der Tür“ (1947) tritt Gott selbst als Figur auf – allerdings nicht als allmächtiger Herrscher, sondern als ein hilfloser, weinender alter Mann, an den niemand mehr glaubt.
Der Protagonist Beckmann, ein physisch und psychisch zerstörter Soldat, der aus Sibirien nach Deutschland zurückkehrt, stellt diesen „lieben Gott“ radikal zur Rede und konfrontiert ihn mit den Schrecken des Krieges, insbesondere mit Stalingrad.
Hier ist der zentrale Ausschnitt aus dieser Begegnung (aus der 2. Szene), in dem Beckmann Gott mit seiner Abwesenheit im Leid konfrontiert:
Der alte Mann: Die Menschen haben sich von mir gewandt. Nicht ich von ihnen. Sie haben mich weggeschlossen in ihren großen, kalten Kirchen. Keiner betet mehr zu mir, wenn er fröhlich ist. Nur wenn sie Angst haben, schreien sie nach mir. Aber ich kann ihnen doch nicht helfen. Ich bin doch der Gott, an den niemand mehr glaubt. Und meine Stimme ist zu leise für den Lärm der Welt.
Beckmann: (lacht bitter auf) Deine Stimme ist zu leise? Da hast du recht, alter Mann! Wenn die Granaten brüllen, hört man dich schlecht. Da hast du verdammt recht! Wo warst du denn eigentlich, als die Granaten brüllten, alter Mann? Wo warst du denn?
Als mein kleiner Junge mit einem Jahr von einer Bombe zerrissen wurde, da warst du wohl nicht da, wie? Da war deine Stimme wohl zu leise! Und wo warst du in Stalingrad, alter Mann, wo warst du in Stalingrad? Da hast du wohl gerade die lieben Choralgesänge in den Kirchen gehört, während die Jungs da im Schnee krepierten?
Wo warst du, als die zehntausend Mann im Schlamm lagen und jammerten? Wo warst du da? Hast du sie nicht gehört? Da war deine Stimme wohl zu leise für den Lärm der Welt, was? Wir haben nach dir geschrien! Wir haben geschrien, alter Mann! Im Hunger, im Frost, im Sterben haben wir nach dir gebrüllt! Wo warst du da, lieber Gott? Wo warst du?
Der alte Mann: (weint) Ich konnte nichts machen. Ihr habt mich doch nicht gelassen. Ihr habt euch doch die Waffen selbst geschmiedet. Ich bin doch nur der gute Gott. Ich habe das alles nicht gewollt. Meine Kinder, meine armen Kinder…
Beckmann: Deine Kinder? Du nennst uns deine Kinder? Ein schöner Vater bist du! Ein schöner Vater, der seine Kinder im Dreck verrecken lässt, während er sich oben den Hintern wärmt! Du bist kein Vater, du bist ein Scharfrichter! Ein schmerzensreicher, seniler alter Mann bist du, weiter nichts! Wir haben dich abgesetzt, verstehst du? Wir brauchen keinen Gott, der nur weint. Wir brauchen einen, der hilft! Aber du – du flennst ja nur!

Warum willst du uns so ganz vergessen und uns lebenslang so gar verlassen?“
Klagelieder 5,20